Bilaterale: Fünfundzwanzig Jahre Herabstufung von FCKW

Das eidgenössische Fähigkeitszeugnis, das lange Zeit als unantastbarer Pfeiler des Schweizer Wohlstands gepriesen wurde, befindet sich heute in einer stillen Krise, die nur wenige zu benennen wagen. Hinter den beruhigenden Reden über den «Wert der Lehre» verbirgt sich eine brutalere Realität: Für einen wachsenden Teil der Jugend garantiert die Bildungsanstrengung weder wirtschaftlichen Schutz noch soziale Stabilität mehr. Diese Diskrepanz ist weder zufällig noch kulturell bedingt. Sie ist das Produkt präziser politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Entscheidungen, die seit über zwanzig Jahren getroffen werden und die eines der solidesten Fundamente des helvetischen Modells zunehmend geschwächt haben. Diese Deklassierung zu verstehen ist unerlässlich, um zu begreifen, was wirklich auf dem Spiel steht.

von Luc-André Meylan, Wirtschaftswissenschaftler und Kolumnist für Souveräne Schweiz

Die Herabstufung des EFZ im Schweizer Modell

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das eidgenössische Fähigkeitszeugnis nicht mehr das, was es lange Zeit war: ein starker Träger der beruflichen Integration und der wirtschaftlichen Stabilität. Als Eckpfeiler des dualen Systems der Schweiz ermöglichte es vielen jungen Menschen einen schnellen Zugang zu finanzieller Unabhängigkeit und dauerhafter sozialer Anerkennung. Heute sieht er sich mit einer grundlegend veränderten Realität konfrontiert. Der verschärfte Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, die erweiterte Anerkennung ausländischer Diplome und die strukturellen Auswirkungen der Freizügigkeit haben eine der Grundlagen des schweizerischen Modells geschwächt.

Entgegen einer kulturalistischen Lesart des Phänomens ist diese Deklassierung nicht auf ein generationsbedingtes Desinteresse am Lernen zurückzuführen. Er lässt sich durch präzise wirtschaftliche und rechtliche Mechanismen erklären. Die in der öffentlichen Debatte immer wieder beschworene Aufwertung des EFZ stößt also auf strukturelle Zwänge, deren Ursprung weit über den Bereich der Berufsbildung hinausgeht.

Die Neugestaltung des Bildungs- und Wirtschaftsrahmens

Seit Ende der 1990er Jahre hat eine Reihe von Gesetzen die Funktion der Bildung in der Schweiz grundlegend umgestaltet. Der von der Schweiz unterzeichnete Bologna-Prozess (1999) setzte das Bachelor-Master-Doktorat-System, die Modularisierung der Studiengänge und die Logik der Leistungspunkte durch, allerdings um den Preis einer Verarmung der Inhalte und einer Anpassung an einen durchschnittlichen europäischen akademischen Standard.

Im gleichen Zug haben die bilateralen Abkommen I (1999) durch die Einführung der Personenfreizügigkeit die Knappheit der schweizerischen Qualifikationen beseitigt und Diplomierte und Inhaber von EFZ einem ständigen Wettbewerb ausgesetzt, der die Löhne drückt und die Verbindung zwischen Bildungsanstrengungen und Wirtschaftsschutz aufhebt. Die bilateralen Abkommen II (2004) setzten diese Dynamik fort, indem sie die Schweiz in die europäischen Systeme für Forschung, Mobilität und Anerkennung von Diplomen einbanden und die Finanzierung und Zusammenarbeit von einer normativen Angleichung abhängig machten.

Hinzu kommen die Anerkennungskonvention von Lissabon (1997), die die rechtliche Gleichwertigkeit ausländischer Abschlüsse festschrieb, und die Annahme des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQF), der die Bewertung von Wissen durch die Bewertung messbarer Ergebnisse ersetzt hat. Der ständige Einfluss der OECD über PISA und die Humankapitaldoktrin hat die Schulen eher auf Beschäftigungsfähigkeit als auf intellektuelle Anforderungen ausgerichtet, während die Einbeziehung der Bildung in die Regeln der WTO durch das GATS die Kommerzialisierung der Ausbildung beschleunigt hat.

Zusammengenommen haben diese Maßnahmen das Bildungsniveau in der Schweiz gesenkt, indem sie Anforderungen durch Konformität, Wissen durch Beschäftigungsfähigkeit und Ausbildung durch die Steuerung von Arbeitsströmen ersetzt haben.

Zwanzig Jahre stille Deklassierung

Bis zur Jahrtausendwende stellte das EFZ für viele Familien ein glaubwürdiges Versprechen dar: schneller Zugang zum Arbeitsmarkt, vorhersehbarer Lohnanstieg, dauerhafte Eingliederung in das lokale Wirtschaftsgefüge. Die Lehre bot eine solide Alternative zu einem längeren Studium, ohne Schulden oder längere Unsicherheiten, und war in vielen Branchen der Hauptweg zur Stabilität.

Dieses Versprechen ist nach und nach erodiert. In den Regionen, die dem internationalen Wettbewerb und der Grenzkonkurrenz am stärksten ausgesetzt sind - Genf, das Tessin, der Jurabogen, aber auch einige Industriezentren der Deutschschweiz - geht die Berufsausbildung zurück, nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil ihr wahrgenommener wirtschaftlicher Wert schwächer geworden ist. Der Arbeitsmarkt, in den ein Inhaber eines EFZ heute eintritt, ist nicht mehr der, den frühere Generationen erlebt haben.

Ein gesättigter und wettbewerbsintensiver Arbeitsmarkt

Der Eintritt in den Arbeitsmarkt nach einer Lehre findet heute in einem gesättigten Umfeld statt. Zu den in der Schweiz ausgebildeten Jugendlichen kommen erfahrene Grenzgänger, Absolventen aus verschiedenen europäischen Bildungssystemen und Bewerber, die bereit sind, deutlich niedrigere Lohnbedingungen zu akzeptieren.

In fast der Hälfte der Berufe ohne Tarifverträge herrscht ein ungezügelter Wettbewerb, der so weit geht, dass seit 2003 in etwa 50 % der nicht tarifgebundenen Berufe die Löhne teilweise um bis zu 50 % gesenkt wurden.

Die Wechselkursdifferenz zugunsten des Schweizer Frankens verstärkt diesen Druck. In den Grenzregionen schwächt es insbesondere die Berufe, die mit einem EFZ zugänglich sind. Für junge Arbeitnehmer bedeutet dies Zeitverträge, niedrigere Einstiegsgehälter und diskontinuierliche Berufslaufbahnen, die den Weg zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit und familiärer Stabilität erschweren oder sogar unmöglich machen.

Ausbildende KMU unter Zwang

Auf Seiten der Unternehmen, insbesondere der KMU, sind die Anreize zur Ausbildung von Lehrlingen schwächer geworden. Die Ausbildung eines jungen Menschen bedeutet eine echte Investition: Betreuung, Vermittlung von Know-how, rechtliche Verantwortung. Historisch gesehen wurde dieser Aufwand durch die Bindung von Mitarbeitern, die entsprechend den Bedürfnissen des Unternehmens ausgebildet wurden, ausgeglichen.

Diese Logik wird nun untergraben. Ein KMU, das einen jungen Menschen mit einem EFZ einstellt, setzt ihn in direkte Konkurrenz zu sofort einsetzbaren und oftmals kostengünstigeren Arbeitskräften. Bei gleichwertig wahrgenommenen Kompetenzen führt die wirtschaftliche Rationalität dazu, dass Flexibilität und Kosten auf Kosten der lokalen Ausbildung bevorzugt werden.

Das Ergebnis ist ein dauerhaftes Paradoxon: Die Unternehmen haben Schwierigkeiten, Auszubildende einzustellen, zögern aber gleichzeitig, sie langfristig zu beschäftigen.

Anerkennung von Abschlüssen und Verwässerung von Besonderheiten

Diese Entwicklung ist in einen internationalen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen eingebettet. Die Anerkennungskonvention von Lissabon hat eine rechtliche Äquivalenz zwischen ausländischen Diplomen und inländischen Qualifikationen eingeführt. Dies erleichtert zwar die Mobilität, verwässert aber den spezifischen Wert von Ausbildungen, die im schweizerischen Produktionskontext verankert sind.

Der CFC, der konzipiert wurde, um den Normen und Praktiken der nationalen Wirtschaft zu entsprechen, wird so mit Abschlüssen konkurriert, deren Vergleichbarkeit eher auf ihrem Format als auf ihrer tatsächlichen Eignung für die lokalen Bedürfnisse beruht. Diese Nivellierung schwächt die Schutzfunktion, die die Berufsbildung historisch erfüllt hat.

Bologna und die implizite Hierarchisierung von Bildungswegen

Der Bologna-Prozess hat diese Dynamik noch verstärkt. Indem er den Bachelor zum Referenzabschluss erhob und die Fachhochschulen dem Universitätsmodell annäherte, sendete er ein klares Signal an die Familien: Akademische Laufbahnen würden besser gegen die Lohnkonkurrenz und die Unsicherheiten des Arbeitsmarkts gewappnet sein.

In den städtischen Mittelschichten wird dieses Signal als eine rationale Schutzstrategie interpretiert. Die Entscheidung für das Gymnasium und ein Hochschulstudium ist nicht auf eine Ablehnung technischer Berufe zurückzuführen, sondern auf eine Anpassung an ein Umfeld, das für Qualifikationen, die aus einer Lehre hervorgegangen sind, ungünstig geworden ist.

Eine Aufwertung, die ohne Infragestellung des Rahmens nicht möglich ist

Die Maßnahmen zur Stärkung der Lehrlingsausbildung und zur Aufwertung des EFZ sind theoretisch wirtschaftlich kohärent. Allerdings, solange der Rahmen der bilateralen Abkommen unverändert bleibt, bleibt ihre Reichweite begrenzt. Die Personenfreizügigkeit, kombiniert mit der fast automatischen Anerkennung von Diplomen und dem Wechselkursgefälle, übt eine ständiger Konkurrenzdruck auf die Berufe, die nach einem EFZ zugänglich sind, Die Lohnerhöhungen sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen und haben jeden Versuch einer nachhaltigen Lohnerhöhung neutralisiert.

Hinzu kommt ein oft übergangener Imperativ: Eine glaubwürdige Aufwertung des EFZ setzt eine vorausschauende und reaktive Anpassung der Ausbildungsinhalte voraus. Die systematische Verknüpfung der EFZ mit Kompetenzen in Informatik, angewandtem Ingenieurwesen und dem kontrollierten Einsatz von künstlicher Intelligenz ist nicht mehr eine Wahl, sondern eine Überlebensbedingung.

In einer Wirtschaft, die von digitalen Systemen, Daten und Automatisierung geprägt ist, wäre ein EFZ, das sich nur auf traditionelle Fertigkeiten beschränkt, weiterhin der Standardisierung und dem Billigwettbewerb ausgesetzt.

Dieser Kompetenzzuwachs, so notwendig er auch sein mag, wird jedoch nicht ausreichen. Selbst wenn das EFZ technologisch gestärkt wird, wird es erst dann wieder einen echten wirtschaftlichen Wert erlangen, wenn der Rechtsrahmen der bilateralen Abkommen wird weiterhin die Knappheit an qualifizierter Arbeit auflösen und einen strukturellen Druck auf die Löhne ausüben.

Eine nachhaltige Aufwertung der qualifizierten Arbeit in der Schweiz setzt daher sowohl eine ehrgeizige Modernisierung der Berufsbildung als auch einen klaren politischen Bruch voraus.

In diesem Sinne ist es notwendig die Bilateralen III abzulehnen und die Bilateralen Abkommen I und II aufzuheben um eine 25-jährige Politik zu beenden, die sich als ein wirtschaftliche und soziale Katastrophe, Die Schweiz ist ärmer als je zuvor. Nur ein Ende der Bilateralen wird qualifizierte Arbeit wieder zu einer echten Knappheit machen, die Kaufkraft nachhaltig wiederherstellen, der Schweiz ihre wirtschaftliche Souveränität zurückgeben und eine wohlhabende Zukunft für die gesamte Bevölkerung sichern.

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